"Arbeiten ist Gnade."
Ein Satz, bei dem wahrscheinlich einige direkt aussteigen.
Gnade?
Mittwoch morgen.
Der Wecker klingelt.
Draußen ist es dunkel.
Der Kaffee wirkt noch nicht.
Der Chef nervt.
Die Kollegen vielleicht auch.
Und ich erzähle dir etwas von Gnade.
Ja.
Denn vielleicht haben wir Arbeit irgendwann vollkommen falsch verstanden.
Wir haben aus ihr einen Feind gemacht. Etwas, das wir möglichst schnell hinter uns bringen müssen, um danach endlich zu leben.
Thank God it’s Friday.
Was für ein verrückter Satz eigentlich.
Fünf Tage überleben, um zwei Tage zu leben?
Das soll es gewesen sein?
Ich glaube nicht.
Arbeit ist mehr als Geld
Natürlich arbeiten wir, um Geld zu verdienen.
Wir brauchen ein Dach über dem Kopf. Essen. Wärme. Sicherheit. Vielleicht ein schönes Auto, einen Urlaub oder einfach die Freiheit, nicht jeden Euro dreimal umdrehen zu müssen.
Daran ist nichts falsch.
Geld ist Energie.
Arbeit ist ein Austausch dieser Energie.
Aber Arbeit kann noch etwas anderes sein:
Ausdruck.
Durch Arbeit bringen wir etwas von uns in diese Welt.
Der Bäcker backt Brot.
Die Pflegekraft hält eine Hand.
Der Handwerker baut ein Zuhause.
Die Mutter erzieht ein Kind.
Der Unternehmer schafft Arbeitsplätze.
Der Künstler schenkt einem Gefühl eine Form.
Der Mensch an der Supermarktkasse sorgt dafür, dass unser Alltag funktioniert.
Wir alle dienen.
Auf unterschiedliche Art.
Und vielleicht beginnt genau dort ein neues Verständnis von Arbeit.
Nicht:
Was bekomme ich dafür?
Sondern auch:
Was darf ich dadurch geben?
Arbeiten zu dürfen, ist Gnade
Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der Funktionieren nicht selbstverständlich war.
Und plötzlich verändert sich die Perspektive.
Du verstehst, dass Kraft ein Geschenk ist.
Konzentration ist ein Geschenk.
Gesundheit ist ein Geschenk.
Eine Aufgabe zu haben, ist ein Geschenk.
Morgens aufzustehen und etwas erschaffen zu können, ist ein Geschenk.
Vielleicht müssen wir manchmal etwas verlieren, um seinen Wert wieder zu erkennen.
Arbeit ist nicht automatisch Ausbeutung.
Leistung ist nicht automatisch Selbstoptimierung.
Disziplin ist nicht automatisch Härte.
Wenn sie aus dem richtigen Ort entstehen, können sie Formen der Liebe sein.
Ich arbeite, weil ich dem Leben etwas zurückgeben möchte.
Ich arbeite, weil Fähigkeiten Verantwortung mit sich bringen.
Ich arbeite, weil irgendwo ein Mensch von dem profitieren könnte, was durch meine Hände, meinen Kopf oder mein Herz entsteht.
Das ist für mich Gnade.
Aber Gnade bedeutet nicht Selbstzerstörung
Und hier wird es wichtig.
Denn wir leben gleichzeitig in einer Gesellschaft, die Arbeit teilweise vergöttert.
Mehr.
Schneller.
Höher.
Produktiver.
Noch ein Termin.
Noch eine Mail.
Noch ein Ziel.
Bis der Körper irgendwann sagt:
Jetzt reicht’s.
Arbeiten ist Gnade bedeutet nicht, dich kaputtzumachen.
Es bedeutet nicht, deine Familie zu vergessen.
Es bedeutet nicht, deinen Wert an deinem Kontostand, deiner Position oder deiner Produktivität zu messen.
Du bist kein Mensch, weil du arbeitest.
Du arbeitest, weil du Mensch bist.
Und Menschsein bedeutet auch:
ruhen.
spielen.
lieben.
zweifeln.
scheitern.
nichts tun.
atmen.
Das Leben besteht aus Einatmen und Ausatmen.
Wer nur ausatmet, erstickt irgendwann.
Vielleicht brauchen wir eine neue Arbeitswelt
Eine Arbeitswelt, in der Leistung und Menschlichkeit keine Gegensätze sind.
In der Unternehmer nicht gegen Arbeitnehmer kämpfen.
In der Erfolg nicht auf Kosten anderer entstehen muss.
In der wir verstehen:
Wir brauchen einander.
Ich.
Du.
Wir.
Vielleicht liegt die Zukunft der Arbeit nicht darin, weniger zu leisten.
Vielleicht liegt sie darin, bewusster zu leisten.
Mit Sinn.
Mit Verantwortung.
Mit Freude.
Mit Grenzen.
Mit Liebe.
Denn die schönste Form von Arbeit ist für mich nicht die Arbeit, bei der ich mich selbst verliere.
Es ist die Arbeit, in der ich mich selbst wiederfinde.
Die Aufgabe, bei der etwas in mir sagt:
Dafür bin ich hier.
Und wenn du dieses Gefühl noch nicht kennst, dann ist das okay.
Vielleicht ist deine jetzige Arbeit nicht deine letzte.
Vielleicht ist sie eine Schule.
Vielleicht eine Brücke.
Vielleicht finanziert sie gerade den Traum, den noch niemand außer dir sehen kann.
Aber unterschätze niemals die Würde darin, aufzustehen und Verantwortung für dein Leben zu übernehmen.
Mach deine Arbeit.
Mach sie gut.
Aber vergiss dabei das Leben nicht.
Liebe deine Menschen.
Ruhe dich aus.
Sei verdammt nochmal auch unproduktiv.
Und wenn Montagmorgen der Wecker klingelt, erinnere dich vielleicht für einen kurzen Moment daran:
Du musst nicht arbeiten.
Du darfst wirken.
Du darfst erschaffen.
Du darfst beitragen.
Du darfst dienen.
Und vielleicht ist genau das eine der stillsten Formen von Gnade.
Arbeiten ist Gnade.
In Liebe
Josef Pax
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