Ich habe einmal geschrieben:
Hitler ist wieder da. Und er ist ein Geschenk.
Und ich stehe zu diesen Worten.
Nicht, weil Hitler ein Geschenk war. Nicht, weil ich Geschichte relativieren möchte. Und ganz sicher nicht, weil ich Friedrich Merz mit Adolf Hitler gleichsetze.
Sondern weil ich glaube, dass uns das Dunkle etwas zeigen kann.
Über uns.
Über Angst.
Über Macht.
Und vor allem über Verantwortung.
Menschen mit stark narzisstischen Zügen können Geschenke sein. Sie können Spiegel sein. Sie können uns mit unseren tiefsten Wunden konfrontieren und uns an Grenzen bringen, von denen wir vorher nicht einmal wussten, dass wir sie besitzen.
Ich kenne das.
Ein solcher Mensch hat in meinem Leben tiefe Verwüstung hinterlassen. Nicht nur bei mir. Bei mehreren Menschen.
Das war schlimm.
Das hat wehgetan.
Und manches davon wirkt bis heute nach.
Und trotzdem kann ich inzwischen auch darin ein Geschenk erkennen.
Denn das Leben hat mich dadurch gezwungen, hinzusehen.
Mich selbst wiederzufinden.
Grenzen zu lernen.
Verantwortung zu übernehmen.
Und mich selbst nicht länger zu verlassen, nur um einen anderen Menschen zu retten.
Doch es gibt einen Punkt, an dem diese Betrachtung endet.
Dieser Punkt heißt Macht.
Denn es ist ein Unterschied, ob ein Mensch sein unmittelbares Umfeld manipuliert und verletzt – oder ob Menschen in politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Machtpositionen beginnen, ihre Vorstellungen und ihren Machterhalt über das Wohl anderer zu stellen.
Dann wird aus einer persönlichen Dynamik eine gesellschaftliche Gefahr.
Und deshalb müssen wir über Macht sprechen.
Und ja, wir müssen auch über unseren Bundeskanzler Friedrich Merz sprechen.
Nicht, weil ich Friedrich Merz hasse.
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir einen Menschen hart kritisieren können, ohne ihn zu entmenschlichen.
Denn auch das habe ich gelernt:
Liebe bedeutet nicht Unterwerfung.
Frieden bedeutet nicht Schweigen.
Mitgefühl bedeutet nicht, jede Entscheidung hinzunehmen.
Und Vergebung bedeutet nicht, keine Grenze mehr setzen zu dürfen.
Herr Merz, Sie tragen als Bundeskanzler Verantwortung für ein ganzes Land. Für Millionen Menschen, die morgens aufstehen, arbeiten, Kinder großziehen, Unternehmen führen, ihre Eltern pflegen, Steuern zahlen, zweifeln, hoffen und versuchen, irgendwie ein gutes Leben zu führen.
Diese Macht gehört Ihnen nicht.
Sie ist Ihnen geliehen.
Und wer Macht trägt, muss sich immer wieder eine verdammt einfache Frage stellen:
Diene ich gerade wirklich den Menschen?
Oder diene ich meiner Vorstellung davon, wie dieses Land auszusehen hat?
Das ist für mich eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit.
Vielleicht ist Hitler deshalb „wieder da“.
Nicht als Person.
Und nicht in einer billigen historischen Gleichsetzung.
Sondern als Erinnerung.
Als Warnung.
Als Erinnerung daran, wohin Gesellschaften geraten können, wenn Macht nicht mehr hinterfragt wird. Wenn Angst stärker wird als Vernunft. Wenn Menschen beginnen, Verantwortung abzugeben. Wenn Gehorsam das eigene Gewissen ersetzt.
Geschichte wiederholt sich nicht einfach.
Aber Geschichte kann uns etwas lehren.
Demokratie bedeutet deshalb nicht, alle paar Jahre ein Kreuz zu setzen und anschließend den Mund zu halten.
Demokratie braucht Widerspruch.
Sie braucht Menschen, die Fragen stellen.
Menschen, die unbequem werden.
Menschen, die Nein sagen.
Menschen, die Grenzen setzen.
Und vielleicht müssen wir genau das wieder lernen.
Wir dürfen einem Menschen mit Liebe begegnen und ihm trotzdem widersprechen.
Wir dürfen seine Würde achten und seine Politik ablehnen.
Wir dürfen friedlich bleiben und gleichzeitig glasklar sein.
Denn Liebe ohne Grenze wird irgendwann zur Selbstaufgabe.
Und deshalb, lieber Herr Merz, möchte ich Sie zu etwas einladen:
Nehmen Sie Ihre eigenen Maßstäbe ernst.
Wenn Sie der Überzeugung sind, dass Menschen bis 70 arbeiten können oder sollen, dann wäre es zumindest konsequent, diesen Maßstab auch auf das eigene politische Wirken zu beziehen.
Sie sind 70 Jahre alt.
Vielleicht ist es Zeit.
Zeit, Verantwortung abzugeben.
Zeit, Macht abzugeben.
Zeit, einer neuen Generation Platz zu machen.
Vielleicht besteht wahre Größe nicht darin, möglichst lange an der Spitze zu bleiben.
Vielleicht zeigt sich Größe manchmal genau im Gegenteil:
im Loslassen.
Lieber Friedrich Merz,
gehen Sie in Ihre wohlverdiente Rente.
Nicht aus Hass.
Nicht aus Verachtung.
Und nicht, weil Ihr Wert als Mensch mit Ihrem Alter abnehmen würde.
Sondern weil Macht Verantwortung bedeutet – und weil politische Forderungen glaubwürdiger werden, wenn diejenigen, die sie vertreten, bereit sind, ihre Maßstäbe auch auf sich selbst anzuwenden.
Ich wünsche Ihnen Frieden.
Ich wünsche Ihnen Liebe.
Und ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Ruhestand.
Unserem Land wünsche ich etwas anderes:
Mut.
Mut zur Menschlichkeit.
Mut zum Widerspruch.
Mut zur Verantwortung.
Mut zur Wahrheit.
Und den Mut, Macht niemals größer werden zu lassen als den Menschen.
Denn unsere Grenze beginnt nicht mit Hass.
Sie beginnt nicht mit Gewalt.
Sie beginnt nicht mit einem neuen Feindbild.
Sie beginnt mit einem friedlichen, erwachsenen und verdammt klaren:
Nein.
Nein zu Macht ohne Verantwortung.
Nein zu Angst.
Nein zum blinden Gehorsam.
Nein dazu, unsere Verantwortung an andere Menschen abzugeben.
Und gleichzeitig:
Ja zum Menschen.
Ja zur Würde.
Ja zum Frieden.
Ja zur Freiheit.
Ja zur Liebe.
Wir müssen niemanden hassen, um eine Grenze zu setzen.
Vielleicht ist genau das die nächste Stufe:
Ein Nein, das nicht aus Hass geboren wird.
Sondern aus Liebe.
Die Grenze beginnt jetzt.
In Liebe
Josef Pax
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